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Der legitime Nachfolger von Thomas Vanek, oder einfach “Servus, Marco Rossi!”

“Rot-Weiß-Rot” hat wieder einen 1. Round Pick in der NHL

Der NHL Draft 2020 stand ganz im Zeichen der Pandemie, ursprünglich als große Show im Bell Centre in Montreal geplant, wurde es am Ende eine Videokonferenz ohne den großen Glanz, den man normal gewöhnt ist. Es ist schon etwas besonderes für die jungen Burschen, wenn ihr Name aufgerufen wird und sie dann das erste Mal die Bühne zur NHL betreten und mit vollem Stolz das Trikot ihrer zukünftigen Eishockeyheimat überstreifen.

Für einen jungen Österreicher ging an diesem Abend ein Traum in Erfüllung, als sein Name an Nummer 9 in der ersten Runde aufgerufen wurde:

“With the ninth Pick in the 2020 NHL Draft, the Minnesota Wild select Marco Rossi from the Ottawa 67’s!”

Die Liste ist nicht lang wenn es um österreichische Spieler geht, welche in der ersten Runde ausgewählt wurden. Thomas Vanek (2003), Michael Grabner (2006) und nun also Marco Rossi. Zur Richtigstellung, auch Tyler Cuma, ein Austrokanadier, wurde 2008 in der ersten Runde ausgewählt, aber er ist kein gebürtiger Österreicher.

Ehrlich gesagt, habe ich insgeheim gehofft das Marco Rossi erst später ausgewählt wird, nämlich an 14. Position von den Edmonton Oilers, das wäre Wahnsinn gewesen. Die Oilers haben dann Dylan Holloway ausgewählt, der für mich auch ein absolutes Toptalent ist und uns hoffentlich in der Zukunft noch viel Freude bereiten wird.

Aus dem beschaulichen Feldkirch in die Schweiz, über den großen Teich nach Kanada und auf die NHL Bühne

Marco machte seinen ersten Schritte auf dem Eis in seiner Heimatstadt, bei der VEU Feldkirch, die speziell in den 1990ern eine Hochburg im österreichischen Eishockey waren, bevor er mit 10 Jahren in die Schweiz ging, um sich im dortigen Nachwuchssystem Schritt für Schritt weiter entwickeln zu können. Vom SC Rheinthal, wo Marco 2 Saisonen spielte, ging es weiter nach Zürich zu den GC Küsnacht Lions, einem Team im Nachwuchssystem der ZSC Lions aus der Schweizer National League A.

Ein sehr interessanter Fakt ist, das Marco eigentlich immer für mehrere Jahrgangsstufen pro Saison aufs Eis ging. Schon mit 13 Jahren hatte er erste Einsätze in der U17 und war hier sicher nicht nur Mitläufer im Team. In der Saison 2016/17, mit gerade einmal 15 Jahren, machte er seine ersten Spiele in der U20 der GCK Lions, und nur eine Saison später schaffte er schon in der U20 wesentlich mehr Scorerpunkte als er Spiele hatte. Mit 16 war es dann soweit und Marco gab sein Debüt in der Swiss League, der zweiten Liga in der Schweiz, bei den GCK Lions. Was soll ich weiter sagen, ich lasse das mal so stehen, denn es spricht auch ohne weitere Worte für sich.

Nachdem er in der Saison 2017/18 bei den World Junior Championships für die österreichische U18 (Division B) sowie U20 (Division A) auflief und einen sehr guten Eindruck hinterließ, war es soweit und die nordamerikanischen Scouts aller bekannten Nachwuchsligen hatten ihn in ihren Notizbüchern drin, fett markiert und unterstrichen. Mit dem Start der Saison 2018/19 ging es über den großen Teich in die OHL (Ontario Hockey League), zu den Ottawa 67’s.

In seiner ersten Saison in Ottawa bestätigte er “nur”, was er schon in der Schweiz über Jahre gezeigt hatte, nämlich das er ein absolutes Ausnahmetalent ist und machte gleich mal in 53 Spielen insgesamt 65 Scorerpunkte (29G/36A) bei einer +/- Statistik von +51. Ich selbst bin kein allzu großer Fan der +/- Statistik, weil sie sehr eindimensional ist, aber ich habe sie hier ganz bewusst erwähnt. Ach genau, auch in den Playoffs in dieser Saison hielt er seinen Wert von mehr als einem Punkt pro Spiel (17/6/16).

Nun kommen wir zu seiner zweiten Saison und die hatte es wirklich in sich, auch wenn die Pandemie eine Austragung der Playoffs letztendlich verhinderte und die Saison abgebrochen wurde.

Marco Rossi gelangen bis zum Saisonabbruch unglaubliche 120 Punkte (39G/81A) in 56 Spielen, was ein Schnitt von 2,14 Punkten pro Spiel entspricht. Zum Vergleich, Connor McDavid hatte in seinem letzten Jahr einen Punkteschnitt von 2,55 pro Spiel und Sidney Crosby 2,71 pro Spiel.  Des Weiteren knackte er mit +69 einen Rekord, der davor über 25 Jahre gültig war. Marco Rossi holte sich in seiner zweiten Saison die Eddie Powers Memorial Trophy (OHL) sowie den CHL Top Scorer Award als bester Scorer aller Nachwuchsligen.

Zu diesem Zeitpunkt spätestens war klar, das sich Marco im NHL Draft 2020 einen Platz ziemlich weit vorne ergattern wird und eigentlich ganz sicher in der ersten Runde ausgewählt wird.

Eine lange Leidenszeit und die Unsicherheit wie es weitergeht

Alles schien perfekt zu laufen für Marco Rossi, aber dann kam November 2020 und eine Diagnose die in Zeiten der Pandemie viele Menschen traf, es wurde bei ihm eine COVID Infektion nachgewiesen.

Der eigentliche Krankheitsverlauf war bei ihm nicht schwer und so konnte Marco, nach der eigentlichen Genesung, wieder zurück aufs Eis bei den ZSC Lions, für die er bis zum verspäteten NHL Start spielen sollte. Nach kurzer Zeit aber traten bei ihm erste Folgeerscheinungen mit Rückenschmerzen und Müdigkeitserscheinungen auf.

Während der U20-WM in Edmonton mit Österreich wurde es dann aber immer schlimmer mit den körperlichen Problemen und irgendwann konnte er nicht mehr aufs Eis gehen. Trotzdem flog er nach Minnesota zum Trainingscamp, um sich einen Kaderplatz für die neue Saison zu erkämpfen, aber aufs Eis kam er nicht. Nach intensiven ärztlichen Untersuchungen wurde bei ihm eine Entzündung des Herzmuskels festgestellt, als Folge der COVID Erkrankung.

Das war ein Schock für ihn und er bekam ein sofortiges Sportverbot und die Mitteilung, das die NHL Saison für ihnen gelaufen ist, bevor sie überhaupt startete.

Wieder zurück in Feldkirch durfte er dann gerade einmal spazieren gehen und an jegliches leichtes körperliches Training war nicht zu denken. Die Müdigkeitserscheinungen und auch Atemprobleme gingen soweit, dass Treppensteigen für ihn zu einer fast nicht machbaren Hürde wurde.

In einem bewegenden Interview im österreichischen Fernsehen, im Beisein seines Vaters Michael Rossi, ebenfalls ehemaliger Eishockeyspieler über viele Jahre in Feldkirch, hat er über diese harte Zeit gesprochen und erwähnte auch das er am Abend oft Angst hatte, am nächsten Morgen vielleicht nicht mehr aufzuwachen.

Ich habe mir natürlich das Interview live angeschaut und mir gedacht wie schnell das tägliche Leben, aus nicht zu erwartenden Gründen, aus den Fugen geraten kann und niemand davor geschützt ist. Ja, der Spruch “genieße auch die kleinen Dinge” ist sowas von richtig und wichtig.

Aber zurück zu Marco Rossi, erst Anfang Juni 2021, nachdem er im Mai mit leichtem Training beginnen konnte, war er das erste mal wieder auf dem Eis. Seitdem arbeitet er sich wieder Schritt für Schritt zurück und soweit es heute bekannt ist, werden keine Langzeitfolgen bei ihm zu erwarten sein.

In den nächsten Wochen wird er nach Nordamerika ins Trainingscamp der Minnesota Wild zurückkehren, um sich seinen großen Traum vom ersten NHL Spiel hoffentlich so bald wie möglich zu erfüllen.

Was zeichnet Marco Rossi eigentlich auf dem Eis aus

Marco Rossi ist ein absolutes Kraftpaket mit einer beeindruckenden Beinmuskulatur, wenn er nicht Eishockeyspieler geworden wäre, dann wäre Skifahrer die wahrscheinlichste Alternative gewesen. Von der körperlichen Statur her kann man Marco mit Marcel Hirscher vergleichen, dem ehemaligen österreichischen Serienweltcupsieger im Slalom und Riesenslalom. Beide sind nicht sehr groß gewachsen, aber wie schon erwähnt richtige Kraftpakete.

Mit der körperlichen Robustheit gleicht er die vielleicht etwas fehlende Körpergröße sehr gut aus und ich bin überzeugt, das für eine erfolgreiche NHL Karriere die körperlichen Voraussetzungen zu 100% gegeben sind. Mit seinem tiefen Körperschwerpunkt wird er nur sehr schwer zu packen sein von den verteidigenden Spielern, das gepaart mit seinen Stärken bei der Schnelligkeit, Skating und Puckkontrolle ergibt ein durchaus beeindruckendes Paket.

Marco Rossi ist ein Impact Player, der wenn er über die Bande steigt für seinen Shift den Unterschied ausmachen kann und das auf beiden Seiten der Eisfläche, im Powerplay und Penaltykilling. Wenn man nach vergleichbaren aktuellen NHL Spielern sucht, habe ich einige Male die Namen Mitch Marner (Leafs) und Claude Giroux (Flyers) gelesen, die ähnlich wie Marco Rossi in allen offensiven Situationen auf dem Eis glänzen, aber ebenso das harte Arbeiten nach hinten nicht vernachlässigen.

Ganz speziell, und das ist in fast jedem Scoutingbericht zu finden, ist seine Spielintelligenz. Er kann Situationen sehr gut antizipieren und weiß oft was als nächstes kommt, daher sollte man ihm nicht allzu viel Freiraum geben, denn wenn er die Chance wittert, leuchtet kurz danach meist die rote Lampe hinter dem Tor auf und der Goalie holt die Scheibe aus dem Netz.

Durch sein sehr körperliches Spiel wird es aber auch wichtig sein, das er lernt wo genau die Grenze liegt zwischen noch vertretbar und eben nicht mehr vertretbar. Wie kann und darf ich den Gegner noch attackieren und was geht dann einfach zu weit. In seiner Zeit in Ottawa gab es da scheinbar ein paar Situationen, wo die Grenze nicht mehr ganz gepasst hat, aber sicher ist Marco Rossi kein Rowdy auf dem Eis, sondern es gehört einfach zu seinem Spiel.

Bei allen Lobpreisungen, darf man aber natürlich nicht vergessen, das ich hier meine Meinung basierend auf seine bisherige Zeit im Eishockey, speziell im Nachwuchsbereich, abgebe. Jetzt kommt dann aber vielleicht bald die NHL und wie alle wissen ist das ein komplett anderes Kaliber und jegliche Vergleiche soll und darf man eigentlich nicht ziehen.

Marco Rossi wird sich seine Sporen verdienen müssen, um in der NHL richtig Fuß zu fassen, aber ich lehne mich hier trotzdem mal aus dem Fenster und sage das er das zu 100% hinbekommt.

Der Vergleich mit Thomas Vanek

Thomas Vanek und Marco Rossi haben eines gemeinsam, sie sind beide hervorragende Eishockeyspieler und kommen aus Österreich, aber hier endet eigentlich auch schon der Vergleich, denn als Spielertyp sind sie komplett unterschiedlich.

Thomas Vanek, das österreichische Eishockeyaushängeschild in Nordamerika, war für mich eher der Typ Schleicher auf dem Eis, der aus dem Spiel heraus gar nicht so sonderlich auffiel, aber immer genau wusste wo er in der nächsten Situation sein muss um zu scoren. Er hatte einen beindruckenden Instinkt und eine ausgezeichnete Technik, was speziell im PP eine gefährliche Mischung für den Gegner ist. Seine beste Zeit in der NHL hatte Thomas Vanek sicher bei den Buffalo Sabres, wo er von 2005 bis 2014 spielte. Nach seiner erfolgreichen Zeit in Buffalo wurde Thomas Vanek aber ein bisschen zu einem Journeyman, denn bis zu seinem Karriereende nach der Saison 2018/19 spielte er dann noch für 7 weitere Teams, nämlich New York Islanders, Minnesota Wild, Detroit Red Wings, Montreal Canadiens, Florida Panthers, Vancouver Canucks  und Columbus Blue Jackets. Es gab aber eine Gemeinsamkeit bei allen seinen Stationen und die war das er immer punktete, und das nicht schlecht. Am Ende seiner Karriere, hatte er insgesamt 1029 Spiele auf der Uhr und 789 Scorerpunkte (373G/416A). Den Stanley Cup konnte er leider nicht mit einem seiner Teams holen, was bei seiner imponierenden Karriere vielleicht der kleine Makel ist, wenn man so will.

Um auf den Punkt zurück zu kommen, beide Spieler haben nicht viel gemeinsam. Auf der einen Seite Marco Rossi, ein 1,76m großes Kraftpaket, unheimlich schnell und mit seinem körperlichen Spiel ideal gemacht für das Two-Way Game und auf der anderen Seite Thomas Vanek, mit 1,88m um einiges größer als Marco, und eher der Schleicher auf dem Eis mit einem außerordentlich guten Instinkt und einer Technik, die es ihm immer ermöglichte den Gegner das Nachsehen zu lassen. Ein weiteres Merkmal aber haben beide doch gemeinsam und das ist das hohe Level an Hockey IQ.

Also, warum steht im Titel der legitime Nachfolger von Thomas Vanek? Ganz einfach, ich traue Marco Rossi eine ähnliche, oder vielleicht sogar erfolgreichere, Karriere in der NHL zu und dann wird er automatisch in einem Satz mit Thomas Vanek genannt werden.

Ich drücke Marco auf jeden Fall alle meine verfügbaren Daumen, damit er sich zum Saison Start seinen großen Traum vom ersten NHL Spiel erfüllen kann und so richtig einschlägt in der NHL und bei den Minnesota Wild. Ich werde auf jeden Fall sehr interessiert verfolgen wie es bei ihm läuft und ob er seinen Weg weiter so gehen kann wie bisher.

In diesem Sinne: “Servus und baba Marco, ich wünsch dir ois Guade da drübn!”