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THE TRADE – Als Wayne Gretzky die Oilers verlassen musste

Der 09. August 1988 war auf den ersten Blick ein Tag wie jeder andere. Ein ganz normaler Dienstag. Für diesen Tag sind im Netz keinerlei nennenswerten Ereignisse zu finden. Das Höchste der Gefühle waren die folgenden Schlagzeilen:

  • der US-amerikanische Kongress verabschiedet die Regierungsvorlage zum US-amerikanisch-kanadischen Freihandelsabkommen. US-Präsident Ronald Reagan nennt das Projekt eine “historische Leistung seiner Präsidentschaft”, das Tausende neuer Arbeitsplätze schaffe und die Wirtschaft beider Länder belebe.
  • In Belfast (Nordirland) protestieren Tausende von Menschen gegen die vor 17 Jahren von der britischen Regierung erlassenen Gesetze gegen Sympathisanten der Terrororganisation IRA. Die Polizei nimmt 42 Personen fest.
  • Die britische Premierministerin Margaret Thatcher beendet eine elftägige Auslandsreise, die sie u.a. nach Bahrein, Oman, Singapur, Thailand und Australien führte. Im Mittelpunkt standen dabei die Lage in der Golfregion sowie wirtschaftliche Fragen.
  • Rod Brind’Amour (Oilers Alptraum der Finalserie 2006 und heute Trainer der Carolina Hurricanes) feierte seinen 18. und “König” Otto Rehagel seinen 50. Geburtstag

Also tatsächlich ein stinklangweiliger Tag in der Weltgeschichte. Wenn, ja wenn da nicht eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz in der Molson Brauerei in Edmonton eine ganze Nation in Schockstarre versetzt hätte! Die größten Schlagzeilen und Zeitungsauflagen seit dem 2. Weltkrieg waren die Folge!

Der beste Eishockey Spieler der Welt – für alle Ewigkeit

In anderen Sportarten gibt es ganz häufig Streitigkeiten und Diskussionen, wer denn der Beste aller Zeiten sei.
Ist LeBron James, Michael Jordan oder Kobe Bryant der beste Basketballer aller Zeiten?
Ist Pele, Maradona, Messi oder Ronaldo der beste Fußballer der Geschichte?
Die beste Tennisspielerin? Steffi Graf! Oder Serena Williams! Oder Martina Navratilova!
In der Formel 1 ist man sich zumindest zwischen Hamilton und Schumacher uneinig.

Im Eishockey würde eine Abstimmung – egal in welchem Land – wohl zu 98% (ein paar Unverbesserliche oder Neider gibt es immer) nur einen Namen an der Spitze haben: Wayne Gretzky! Und das völlig zu Recht!

The Trade

Wayne Gretzky, “The Great One”, der beste Eishockey-Spieler der Welt, wurde von Edmonton nach Los Angeles transferiert. Im Titelbild weint er uns ringt auf der berühmten Pressekonferenz um Worte. In einem Move, der als “The Trade” in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Der damalige Eigentümer der Oilers, Peter Pocklington, sah aus finanziellen Gründen keinen anderen Ausweg mehr, als sein mit Abstand teuerstes Asset zu traden. Und der neue Eigentümer der LA Kings, Bruce McNall, ist angetreten, um die LA Kings aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Um in Kalifornien, im Schatten Hollywoods, Eishockey als Big Business zu betreiben. Ja, die Ehefrau von Gretzky war Schauspielerin aus Hollywood. Aber nein, Gretzky wollte trotzdem nicht aus Edmonton weg. Das hat er immer wieder beteuert. Gemeinsam mit Marty McSorley und Mike Krushelnyski wurde er dann aber dennoch nach LA transferiert. Im Gegenzug erhielt Edmonton Jimmy Carson, Martin Gelinas und die Erstrundenpicks bei den NHL Drafts 1989, 1991 und 1993. Zudem flossen noch 15 Millionen Dollar Ablösezahlung, was damals noch möglich war.

Eine ganze Nation weint

Neun Jahre lang hatte Gretzky für Edmonton und für das Eishockey-verrückte Kanada sämtliche Rekorde gebrochen, gewann 4x den Stanley Cup,  8x die Hart Trophy (MVP) und 7x die Art Ross Trophy (meiste Punkte). Edmonton zählte Anfang der 80er-Jahre nicht gerade zu den Perlen Kanadas und auch nicht zu den reichsten Gemeinden des Landes. Sinkende Erdölpreise hatten zu einer Rezession geführt und viele in der Erdölindustrie beschäftigte Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Mut und Selbstvertrauen brachte ihnen dieses talentierte, junge und auch äußerst erfolgreiche NHL-Team der Oilers zurück. Sie waren der positive Lichtblick im Alltagsleben, sie gaben Grund zur Hoffnung.

“Gretzky wurde wie ein Stück Fleisch verkauft” (Mitspieler Paul Coffey)

Selbst Mitspieler, wie Paul Coffey, wurden vom Trade überrascht. Die Fans sowieso. “Es ist so, als würde jemand das Herz dieser Stadt herausreißen”, zeigte sich Edmontons damaliger Bürgermeister Laurence Decore sichtlich geschockt. In Hinterzimmern diskutierten Politiker der Provinz Alberta darüber, ob und wie sie diesen Transfer verhindern konnten. Es half alles nichts, er war nicht abzuwenden! Eine ganze Nation hielt den Atem an. In riesigen Lettern verbreiteten die großen Zeitungen des Landes die Nachricht. Radiosender legten Schweigeminuten ein. Viele Menschen im Mutterland des Eishockeys weinten vor Trauer, Wut und Enttäuschung!

Hat die NHL Druck auf die Oilers ausgeübt?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Gretzky-Trade gehörigen Einfluss auf die Weiterentwicklung der NHL hatte. In den Jahren danach wurden endlich erfolgreich wichtige US-Märkte erschlossen. Los Angeles machte den Anfang. LA ist einer der größten Märkte in den USA, aber das Team fristete ein Schattendasein und Eishockey erweckte keinerlei Interesse in der Millionenmetropole. Doch durch Wayne Gretzky änderte sich plötzlich alles! Mit seinem allerersten Schuss erzielte er gleich ein Tor. Insgesamt war er 7 1/2 Jahre Aushängeschild und Kassenschlager der LA Kings, die durch ihn in der NHL salonfähig und erfolgreich wurden. Viele Menschen in Edmonton fragen sich bis heute, wie sich die Franchise entwickelt hätte, wenn Gretzky geblieben wäre. Den vier Stanley Cup Erfolgen, die Gretzky in die Stadt gebracht hatte, konnte seitdem nur noch ein weiterer (1990) hinzugefügt werden. Fakt ist jedenfalls, dass The Trade sportlich ein ziemliches Desaster für die Oilers war und auch die 15 Mio Ablöse konnten das von zahlreichen Skandalen heimgesuchte Fleischwarenimperium von Eigentümer Tönnies… äh… Pocklington letztlich nicht retten.

Zwei Betrüger und die Frage “was wäre, wenn…”

In den Folgejahren konnte der Eigentümer die Oilers dann nicht mehr halten und sie standen sogar kurz vor einem Umzug nach Houston. Das ist allerdings eine andere Geschichte, die wir zu gegebener Zeit aufarbeiten werden. Während Bruce McNall, der ehemalige Eigentümer der LA Kings später wegen betrügerischer Geschäfte ins Gefängnis musste, konnte Pocklington das Gefängnis wegen steuerlicher “Ungereimtheiten” nur knapp verhindern. Er ist wegen “The Trade” bis heute in Edmonton, ja sogar in ganz Kanada eine “persona non grata” und eine seiner clevereren Entscheidungen war sicher der Umzug mit seiner Familie nach Kalifornien. Den Gretzky-Trade würde er seinen Memoiren zufolge übrigens auch mit dem ganzen Wissen der heutigen Zeit genauso wieder durchführen. Unfassbar, oder?

Pocklington und The Trade werden jedenfalls für immer mit dem Schicksal der Oilers, der Stadt Edmonton und der Eishockey-Nation Kanada verbunden bleiben. Und die Frage, was wäre wenn (nicht), werden wir leider niemals aufklären können.

Der traurigste Tag der Eishockey-Geschichte der Oilers und ganz Kanadas jährt sich aktuell zum 33. Mal.
Während dessen feiert Otto Reghagel hierzulande seinen 83. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!